Interview mit Dr. Frank Matthias Kammel

Der Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums im Gespräch/ Von Heiko Klaas & Nicole Büsing


Herr Kammel, seit dem 1. Juli 2018 sind Sie Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums mit dem Haupthaus in München und neun Zweigmuseen an acht weiteren Standorten im ganzen Bundesland. Sie waren zuvor Stellvertretender Generaldirektor am Germanischen Museum in Nürnberg. Was hat Sie an der neuen Aufgabe gereizt?

Ein Haus dieses Formats leiten zu dürfen, ist eine Auszeichnung und eine Herausforderung. 32 Jahre habe ich in zwei großen Museen, dem Berliner Bode-Museum und in Nürnberg einen reichen Erfahrungsschatz gesammelt. Und natürlich reizt es dann, auf dieser Grundlage die großen Perspektiven eines Museums für eine bestimmte Zeitspanne zu gestalten und sein Erscheinungsbild prägen zu helfen. 

 

Bayerisches Nationalmuseum: Das klingt sehr selbstbewusst und formuliert einen hohen Anspruch. Passt dieser Name eigentlich noch in unsere heutige Zeit? Immerhin ergänzen Sie ihn ja mit dem Zusatz „Das Schatzhaus an der Eisbachwelle“... 

Zunächst: Welches Bundesland hat schon ein Nationalmuseum! Nicht einmal die Bundesrepublik. Aus meiner Sicht ist der Name daher eher spannungsreich, weil er stets die Frage einschließt, ob Bayern eine Nation ist oder was sie gegebenenfalls ausmacht. Darüber könnte man jetzt ein langes und sehr interessantes Gespräch führen.

 

Wie kann der schwierige Spagat zwischen Traditionspflege und dem Abbau von Schwellenängsten gelingen?

Schwieriger Spagat stimmt! Indem wir die Erweiterung der hochrangigen kunstgeschichtlichen Sammlungen weiter entwickeln und gleichzeitig mit Themen aufwarten, die auch für jene interessant sind, die keine „Museums-Junkies“ sind, kann es gelingen, Menschen etwa für die Frage zu begeistern, ob Bayern ein Land oder ein Zustand ist.

 

In ersten Interviews haben Sie sowohl ihre Begeisterung über die neue Herausforderung zum Ausdruck gebracht, als auch ihre Erschütterung über die Bausubstanz und die unzureichende technische und personelle Ausstattung der Häuser. Sind Sie bei den zuständigen Politikern damit auf offene Ohren gestoßen? Welche Verbesserungsmaßnahmen konnten Sie bereits in Gang setzen? Welche weiteren Projekte sind angedacht? 

In dieser Hinsicht konnte ich in den letzten Monaten zumindest Aufmerksamkeit erwecken. Sicherlich lässt sich nicht alles auf einmal anpacken. Daher arbeiten wir zunächst an der Priorisierung von Maßnahmen im Haupthaus und in einigen Zweigmuseen. Hoffnungsvoll stimmt mich eine große Baumaßnahme zur Herstellung der Barrierefreiheit im Keramikmuseum Obernzell bei Passau, einem der Zweigmuseen. Ganz oben auf der Agenda steht zudem das schon weit gediehene Konzept zur Neueinrichtung der grandiosen Sammlung zur Alltagskultur. Mit seiner hoffentlich baldigen Verwirklichung wird die hochrangige Kunst nach etwa vier Jahrzehnten wieder durch diese Facette der Kulturgeschichte ergänzt, sodass ein spannender Bogen zwischen „high and low“ geschlagen werden kann. 

 

Fernsehzuschauer kennen Sie als Experten für Religiöse Volkskunst und Skulptur aus der Sendung „Kunst + Krempel“ im Dritten Programm des Bayerischen Rundfunks. Inwiefern nützt Ihnen diese Bekanntheit bei Ihrer Tätigkeit als Museumsdirektor?

Ich werde aufgrund genau dieser Kombination vielfach angesprochen, an der Ampel, in der U-Bahn. In Zuschriften heißt es: „Ich muss mir Ihr Museum jetzt mal ansehen …“. Das ist doch schon mal Klasse! Aufgrund der Tätigkeit vor der Kamera kenne ich natürlich die Fragen, die Menschen in Bezug auf Kunst bewegen, aus erster Hand und welcher Erklärungsbedarf besteht. Das ist heilsam, denn egal ob Fernsehen oder Museum – was wir tun, tun wir vorrangig für den interessierten Laien. Er ist, wenn man so will, der „Endverbraucher“, dem unser Tun gilt. Ihm müssen wir unsere Fachkenntnisse verständlich machen.

 

Mit der augenzwinkernd angelegten Ausstellung „Treue Freunde. Hunde und Menschen“ betritt das Bayerische Nationalmuseum gewissermaßen Neuland. Die Schau vereint kunst- und kulturgeschichtlich wertvolle Stücke aus der Sammlung mit popkulturellen Verweisen etwa auf berühmte Hundebesitzer wie Loriot, David Bowie oder Rudolph Mooshammer. Welche neuen Besuchergruppen erhoffen Sie sich für Ihr Haus? Und inwiefern kann eine Schau wie diese vielleicht auch als Prototyp für zukünftige Ausstellungsprojekte fungieren?

Themen, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden, stoßen auch bei Menschen auf Interesse, die nicht zum Stammpublikum eines Hauses mit alter Kunst zählen. Kulturelle Phänomene mittels unterschiedlichster kulturhistorischer Zeugnisse zu beleuchten, kann überraschen und regt zum Denken an. Das kann sehr unterhaltsam sein. Und was ist schöner als Horizonterweiterung über fundierte Unterhaltung? Insofern ist die erwähnte Ausstellung sicherlich ein Prototyp. Solche Ausstellungen sind ja kein Selbstzweck, sondern zielen stets auf ein Stück Aufklärung über uns selbst, wie wir das geworden sind, was uns ausmacht. Da geht es ums Augenöffnen.

 

Mit viel Esprit kuratierte Sonderausstellungen sind sicherlich ein wichtiges Element. Welche anderen Pläne haben Sie, um Ihr Haus und seine Zweigstellen bekannter zu machen und ins 21. Jahrhundert zu führen?

Das fängt bei Basics an, wie durchgehender deutsch-englischer Beschriftung von Sälen und Exponaten. Die Ästhetik spielt eine große Rolle. Seit März erstrahlt die Eingangshalle im Licht außergewöhnlicher Designerleuchten und verleiht dem Raum eine attraktive und einladende Atmosphäre. Das ist richtungsweisend. In der Werbung werden wir gewitzter. Seit kurzem besitzt unser Veranstaltungsprogramm ein neues Gesicht. Zunehmend werden wir uns jenseits klassischer Vermittlungsangebote auch Formaten wie Podiums- und Expertengesprächen annehmen und so für die Relevanz des Museum für unsere Gesellschaft sensibilisieren. Wir arbeiten an einem neuen Besucherleitsystem und anderem mehr. Das sind viele einzelne Schritte, mit denen wir nach und nach eine breitere Öffentlichkeit für das Bayerische Nationalmuseum gewinnen wollen.

 

Dr. Kammel, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Die Museen im Überblick

Bayerisches Nationalmuseum

Prinzregentenstraße 3

80538 München

Di/Mi/Fr-So 10-17 h, Do 10-20 h

Sammlung Bollert: Mi-Fr 10-17 h

www.bayerisches-nationalmuseum.de

 

 

 

Schulmuseum Ichenhausen

Unteres Schloss

Schlossplatz 3–5

89335 Ichenhausen

Di-So 10-17 h

 

Alpinmuseum Kempten

Marstallgebäude

Landwehrstraße 4

87439 Kempten

Di-So 10-16 h

 

Fränkische Galerie Kronach

Festung Rosenberg

96317 Kronach

März bis Oktober: Di-So 9.30–17.30 h,

November bis Februar geschlossen

 

Kunst- und Wunderkammer 

Burg Trausnitz

Burg Trausnitz 168

84036 Landshut

April bis September: Mo-So 9-18 h

Oktober bis März: Mo-So 10-16 h

Keramikmuseum Obernzell

Schloss Obernzell

94130 Markt Obernzell

Di-So 10-17 h

7. Januar bis 31. März geschlossen

 

Meißener Porzellan-Sammlung 

Stiftung Ernst Schneider

Schloss Lustheim

85764 Oberschleißheim

1. April bis 30. September: Di-So 9-18 h

1. Oktober bis 31. März: Di-So 10-16 h

 

Ökumenische Sammlung 

Gertrud Weinhold / 

Sammlung zur Landeskunde 

Ost- und Westpreußens 

Altes Schloss Schleißheim

Maximilianshof 1

85764 Oberschleißheim

1. April bis 30. September: Di bis So 9-18 h

1. Oktober bis 31. März:: Di-So 10-16 h

 

Thurn und Taxis Museum Regensburg

Fürstliche Schatzkammer Thurn und Taxis

Emmeramsplatz 6

93047 Regensburg

4. November bis 31. Dezember 2019 

Sa/So/ 10–17 h

 

Kloster Asbach

aufgrund von Bauarbeiten ist das Zweigmuseum Kloster Asbach bis auf Weiteres geschlossen.